Anweiden Mai 2015

Anweiden Mai 2015

Wie startet mein Pferd gesund und munter in die Weidesaison?

Das richtige Angrasen einfach erklärt!

Um das Ganze einfach zu erklären: Jeder kennt sicherlich die Fastenzeit nach Karneval. Man verzichtet auf Zucker, Alkohol, vielleicht sogar auf Milchprodukte und Fette. Man ernährt sich eine Zeit lang bewusster und kontrollierter. Die Fastenzeit dauert nur ein paar Wochen – und unser Körper signalisiert uns sehr schnell, dass das Verlangen nach solchen Köstlichkeiten immer größer wird.

Das kann man gut mit dem Verlangen eines Pferdes im Frühjahr nach frischem Gras vergleichen. Wenn man sich nun vorstellt, wir Menschen würden diese Fastenzeit den ganzen Winter durchhalten und uns monatelang nur von Knäckebrot, Wasser und etwas Obst ernähren – und dann im Frühling von heute auf morgen mit Schokolade, Nutella, Pizza, Käsekuchen und Döner starten … dann würde unser Magen sehr wahrscheinlich rebellieren. Er würde dringend nach einer Eingewöhnungsphase verlangen.

Genauso geht es dem Pferd – nur oft noch dramatischer. Die Folgen einer zu schnellen Futterumstellung können Hufrehe, Koliken oder Stoffwechselerkrankungen sein. Alles Dinge, die man keinem Pferd wünscht.
Damit dein Pferd eine gesunde und entspannte Sommersaison mit viel „Pizza in Grasform“ genießen kann, muss es langsam an das frische Grün gewöhnt werden. Der Magen-Darm-Trakt wird dabei Schritt für Schritt vom „Winter-Diät-Modus“ auf ein „Sommer-All-you-can-eat-Buffet“ umgestellt.

Da der Magen-Darm-Trakt des Pferdes extrem sensibel ist, sollte man diese Umstellung unbedingt ernst nehmen. Hält man sich an ein paar einfache Grundregeln, ist das Angrasen aber gut umzusetzen.


Was passiert mit dem Pferdekörper in der Winterpause?

Der gesamte Pferdekörper gewöhnt sich im Winter an magere Kost: Raufutter wie Heu oder Heulage mit wenig Zucker und Eiweiß. Der Stoffwechsel fährt herunter, um Nährstoffe sparsam zu nutzen. Der Körper spart Kalorien, da er sie in der kalten Jahreszeit zur Wärmeregulation benötigt.

Beendet man diese „Zwangsdiät“ abrupt und stellt das Pferd von heute auf morgen auf saftige Frühlingsweiden, passiert etwas Ähnliches wie bei uns Menschen nach einer Diät – der sogenannte Jo-Jo-Effekt. Der Körper versucht, alles zu speichern, was er bekommen kann, um für mögliche Mangelzeiten vorzusorgen.

Natürlich ist der Vergleich vereinfacht und nicht 1:1 auf den Pferdekörper übertragbar, hilft aber, das Prinzip besser zu verstehen.


Die drei Schritte für einen gesunden Start in die Weidesaison

1. Den Stoffwechsel in Schwung bringen

Um Leber und Stoffwechsel bei der Umstellung zu unterstützen, kann man Kräuter zufüttern.
Ich füttere jedes Jahr Mariendistel (ohne Artischocke), Brennnesselkräuter und einige ausgewählte Globuli zum Hafer dazu. Alternativ gibt es spezielle Futtermittel oder Kombipakete für den Weidestart. Dazu kann ich persönlich keine Empfehlung aussprechen, da mir Erfahrungswerte fehlen.


2. Richtig angrasen

Hier gilt eine goldene Regel: Mindestens drei Wochen vor Beginn der Weidesaison täglich langsam steigern.

Beim Ausreiten kann man für ein paar Minuten absteigen und das Pferd am Wegesrand grasen lassen oder man nutzt konsequent dieselbe Fläche. Ich arbeite dabei sehr strikt nach Minuten:

  • Tag 1–3: 5 Minuten

  • Tag 4–6: 10 Minuten

  • Tag 7–9: 15 Minuten

  • Tag 10–12: 20 Minuten

  • Tag 13–15: 25 Minuten

  • Tag 16–18: 30 Minuten

  • Tag 19–21: 35 Minuten

  • Tag 22–25: 40 Minuten

Zugegeben: Diese Konsequenz jeden Tag durchzuhalten kann etwas langweilig sein – aber dein Pferd wird es lieben. Vor allem sein Magen-Darm-Trakt wird es dir danken.
Erst wenn mein Pferd diese Zeit problemlos verträgt, darf es auf die Koppel.


3. Die Herde kommt auf die Wiese

Das Gras auf der Koppel ist meist deutlich saftiger und energiereicher als an typischen Angrasstellen. Deshalb gilt auch hier: Vorsicht!

Nur weil ein Pferd 40 Minuten mageres Gras verträgt, heißt das nicht, dass es sofort mehrere Stunden auf einer üppigen Weide stehen sollte. Auch hier empfiehlt es sich, mit etwa einer Stunde zu beginnen und die Zeit langsam zu steigern. Wie schnell das geht, ist individuell verschieden und hängt stark vom jeweiligen Pferd ab.


Mögliche Folgen von falschem Angrasen

Die schwerwiegendste Folge ist Hufrehe. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Huflederhaut, die häufig durch eine abrupte Futterumstellung ausgelöst wird.
Durch das Absterben wichtiger Darmbakterien können Giftstoffe entstehen, die den Organismus belasten. Es kommt zu Durchblutungsstörungen im Huf, wodurch dieser nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird. Die Folgen sind starke Schmerzen und können im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein.

Auch Koliken zählen zu den häufigen Risiken. Einen ausführlichen Beitrag dazu findest du ebenfalls auf meinem Blog.


Mein persönliches Fazit

Richtiges Angrasen ist jedes Jahr aufs Neue Pflicht für jeden Pferdebesitzer.
Zu viel Gras im Frühjahr überfordert den Organismus und kann nicht nur ungesund, sondern auch teuer werden – im schlimmsten Fall bleiben irreversible Schäden zurück.

Geht man jedoch langsam, verantwortungsvoll und Schritt für Schritt vor, kann man sein Pferd optimal auf eine gesunde Weidesaison vorbereiten.

Oft hört man den Satz: „In freier Wildbahn wird doch auch nicht angeweidet.“
Darauf frage ich gern zurück, ob Pferde in freier Wildbahn auch gezähmt, geritten und in Boxen oder Offenställen gehalten werden. Natürlich nicht.

In der Natur wächst das Gras langsam, bevor Wildpferde auf üppige Weiden treffen. Unsere Hauspferde haben diese Möglichkeit oft nicht mehr – und genau deshalb liegt es in unserer Verantwortung, diese Aufgabe zu übernehmen.

Ich genieße das Angrasen inzwischen sehr. Mit einem Brötchen und einem Getränk vergeht die Zeit schnell – besonders, wenn die Sonne scheint 😊