Hitzewelle am Stall August 2015

Hitzewelle am Stall August 2015

Sommer!


Dieses Wort klingt in unseren Pferdemädchen-Ohren wie Käsekuchen mit Sahne!
Endlich keine Gummistiefel, keine Zwiebeltechnik beim Anziehen und keine Matsche mehr unter den Hufen.
Ab zum Stall in kurzer Hose und ab in den Wald – ganz ohne Regenjacke! Quasi ein Traum.

Aber da wir ein Hobby pflegen, an dem zwei Lebewesen beteiligt sind, sollten wir auch auf die Bedürfnisse unseres vierbeinigen Freundes Rücksicht nehmen.

Dazu ein paar Fakten:

1. Die Wohlfühltemperatur
Die Wohlfühltemperatur bei Pferden liegt zwischen etwa 5 und 15 Grad Celsius. Keine Fliegen und keine notwendige Thermoregulation.
Erst ab ca. –15 Grad Celsius greift die Thermoregulation. Thermoregulation bedeutet, dass der Körper versucht, seine Temperatur durch gesteigerte Stoffwechselaktivität aufrechtzuerhalten.

2. Wasserverbrauch an heißen Tagen
Pferde können bei Hitze bis zu 80 Liter Wasser pro Tag aufnehmen.

3. Muskeln
Pferde haben einen sehr großen Anteil aktiver Muskulatur. Wird diese belastet, beginnt das Pferd zu schwitzen – und zwar bis zu zehnmal schneller als der Mensch.

4. Kühlsystem Pferd
Ein normaler Pferdekörper verliert bei kühlem Wetter und starker Anstrengung etwa 20 Liter Schweiß.
Bei heißen Temperaturen in Kombination mit hoher Belastung können es bis zu 30 Liter sein.
Durch eine feucht-warme Umgebung kann die sogenannte Verdunstungskühlung nicht mehr richtig wirken. Das Pferd steht dann in einer Blase warmer Luft und kühlt nicht mehr ausreichend ab – im schlimmsten Fall kann das lebensgefährlich sein.

5. Körpertemperaturen beim Pferd

  • 32,0 °C – 37,2 °C = Untertemperatur

  • 37,3 °C – 38,2 °C = Normaltemperatur

  • 38,3 °C – 39,5 °C = leichtes Fieber

  • 39,6 °C – 40,5 °C = hohes Fieber

  • 39,0 °C – 39,5 °C = nach Belastung normal

6. Todesursache Überhitzung
Versagt das körpereigene Kühlsystem, kann die Körpertemperatur auf bis zu 41 Grad Celsius ansteigen.
In der Muskulatur werden dann Temperaturen von bis zu 43 Grad Celsius erreicht. Unter solchen Bedingungen beginnt der Körper, eigene Proteine zu zersetzen.
Wird keine Abhilfe geschaffen, reagiert der Pferdekörper mit Blutdruckabfall, Koliken und/oder Nierenversagen.
Zusätzlich verliert der Körper durch starkes Schwitzen viele Elektrolyte. Werden diese nicht ersetzt, kommt es zu einer fortschreitenden Demineralisierung des Organismus. Muskelkrämpfe, Herzrhythmusstörungen und Nervenschädigungen können die Folge sein.


Was tun, damit es nicht so weit kommt?

Dramatische Fakten, oder?
Pferdegroße Kühlschränke gibt es leider nicht – aber die Lösung ist eigentlich einfach und selbsterklärend:

  • Pferde sollten an heißen Sommertagen jederzeit Zugang zu frischem Wasser haben.

  • Sie sollten nicht den ganzen Tag auf einer sonnenexponierten Koppel stehen, sondern jederzeit die Möglichkeit haben, Schatten aufzusuchen.

  • Ebenso sollte es selbstverständlich sein, dass Pferde bei hohen Temperaturen nicht in der Mittagssonne auf einem heißen, staubigen Platz bis ans Limit gearbeitet werden.

Gemütliche Ausritte im schattigen Wald in den Abendstunden tun Pferd und Mensch im Sommer besonders gut.

Zusätzlich kann man Pferde abduschen. Wichtig dabei:

  • Immer an den Hinterbeinen beginnen

  • Dann langsam zu den Vorderbeinen

  • Erst danach den restlichen Körper abduschen

Anschließend unbedingt das Schweißmesser benutzen, da die nasse Wasserschicht auf dem Fell wie eine Lupe wirken und das Pferd zusätzlich aufheizen kann.
Am besten lässt man das Pferd danach auf einen Sandpaddock, damit es sich wälzen kann. So verschwindet die „Lupenschicht“ und man hat zusätzlich einen natürlichen Insektenschutz.

Auch sollte man darauf achten, dass ausreichend Salzlecksteine zur Verfügung stehen, da Pferde durch Schwitzen viele Mineralien verlieren.


Was tun bei Überhitzungssymptomen?

Ganz klar: Sofort den Tierarzt rufen!
Bis dieser eintrifft, können folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  1. Das Pferd, wenn möglich, sofort in den Schatten führen oder aktiv für Schatten sorgen (Sonnenschirm, Regenschirm, Tücher etc.).

  2. Alle Gliedmaßen mit Wasser kühlen – nicht eiskalt! Anschließend kann das Pferd in eine feuchte Decke gehüllt werden.

  3. Kein Wasser und kein Futter anbieten, da der Schluckreflex durch zentrale Nerveneinschränkungen gestört sein kann.

  4. Globuli Carbo D12 können auf homöopathischer Ebene unterstützend wirken. Auch Elektrolyte in Pulverform können vorsichtig auf die Zunge gegeben werden.

  5. Warten, bis der Tierarzt eintrifft.


Wie mache ich es persönlich?

Ganz ehrlich: Bei Temperaturen um die 30 Grad hat mein Pferd frei.
Er hat Zugang zur Koppel, ausreichend Wasser, Schatten im Stall, Bäume zum Unterstellen und darf mir beim Abäppeln zuschauen.
Maximal gibt es eine ruhige Abendrunde im Gelände – gerne auch zu Fuß als Spaziergang.

Auf vielen Turnierplätzen sieht das leider anders aus. Pommeswagen bestellt, Abreiteplatz gekehrt, Richter platziert – da macht das Wetter oft keinen Strich durch die Rechnung. Schade.

Viele Veterinäre und Sportmediziner haben belegt, dass bei solchen Temperaturen bereits ein 17-minütiges Training mittlerer Intensität ausreichen kann, um den Pferdekörper auf ein gefährlich hohes Temperaturniveau zu bringen (Prof. Dr. Lindinger, Guelph/Kanada).
Beim Menschen dauert das drei- bis zehnmal so lange – deshalb können wir unser Hitzeempfinden nicht mit dem des Pferdes vergleichen.

Verladestress, Umgebungswechsel und die Nervosität des Reiters sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Nach meinem Bauchgefühl zapft das locker weitere drei Liter Schweiß an.
Kann man machen – muss man aber nicht!


Extra-Tipp: Hufe wässern

Was Mexx und ich aktuell regelmäßig machen, ist das Wässern der Hufe.
Pferde schwitzen nämlich auch über die Hufe – jein. Die Hufe selbst haben keine Schweißdrüsen, aber die Ballen. Dort entsteht eine geruchlose Flüssigkeit, die den Wärmehaushalt regulieren soll.

Das Kühlen der Hufe inklusive Ballen kann sehr erfrischend wirken. Außerdem weicht das Wasser den Huf leicht auf und beugt Brüchigkeit vor.
Euer Schmied oder Huforthopäde wird es euch danken, da ein aufgeweichter Huf einfacher zu bearbeiten ist.


Also: Ab mit einer leckeren Limo auf die Wiese, vielleicht noch den Grill anwerfen und dem Pferd beim Chillen zusehen.
So seid ihr bewegungstechnisch auf der sicheren Seite – und euer Pferd kommt gesund durch die Ü-30-Grad-Tage des Sommers. ☀️🐴