Influenza oder Influencer??? Juni 2015

Influenza oder Influencer??? Juni 2015

Influencer oder Influenza – Krankheit oder Unterhaltung???

Für alle Unwissenden da draußen, die das Wortspiel nicht auf Anhieb verstehen:
Keine Sorge, ihr habt keine große Bildungslücke, die erwähnenswert wäre. Hier die Erklärung:

Influencer auf Social-Media-Plattformen sind meist junge Leute, die ihr Leben teilen und – in unserem Fall – auch Pferdemädchen sind. Sie laden Trainingstipps, Alltagssituationen mit ihren vierbeinigen Freunden und Erlebnisse ins Internet hoch. Dies dient der Unterhaltung. So sollte es zumindest sein.

Influenza ist eine Pferdekrankheit, gegen die man impfen kann (ich erspare mir an dieser Stelle ein zweites Wortspiel …). Kurz zum Krankheitsbild: Influenza ist eine Viruserkrankung des gesamten Atmungsapparates. Sie ist hoch ansteckend und gefährdet ganze Bestände, vor allem nicht oder nicht korrekt geimpfter Pferde. Symptome sind starker, trockener Husten, hohes Fieber, Nasenausfluss und geschwollene Lymphknoten.


So, nun zum heutigen Blogbeitrag.

Um die erste Bedeutung des Wortes soll es heute gehen.
Unserer Generation wird das Mitteilen und Publizieren von Situationen diverser Art – in Bild und Ton – dank des Internets sehr einfach gemacht. Pferdemädels von heute lassen sich von Influencern auf YouTube und Instagram inspirieren. Diese Influencer sind grafisch sehr professionell unterwegs und liefern Arbeiten ab, die vor Jahren nur ein gelernter Mediengestalter hätte produzieren können.

Zugegeben: Ich bin oft beeindruckt, wenn ich solche Videos sehe. Dank diverser Apps und Tutorials kann dies mittlerweile fast jeder Laie – beispielsweise durch das Aufzeichnen seines Alltags – in Geld umwandeln. Eine interessante Entwicklung.

Mittlerweile nehmen sogar große Marken und Unternehmen viel Geld in die Hand, um durch die Reichweite dieser Influencer ihre Produkte gezielt durch platzierte Werbung zu verkaufen.

Auch wenn sich viele darüber beschweren: Zu Free-TV-Zeiten war die siebenminütige Werbeunterbrechung Normalität. Sie ermöglichte den Gang zur Toilette oder das Holen einer neuen Tüte Chips aus der Küche. Von irgendetwas müssen Schauspieler, Entertainer und schlussendlich auch Influencer leben.


Die Branche Pferd

Auf die „Branche Pferd“ bezogen sehen viele Influencer wie folgt aus:
Man sieht vor einer grünen Wiese oder am Strand ein schlankes blondes Mädchen mit wehendem Haar, im weißen Sommerkleid, auf dem Rücken eines Pferdes – ohne Zaumzeug – im Jagdgalopp Richtung Horizont reiten. Oder ein ähnlich beschriebenes Mädchen steht mit in die Luft geworfenen Armen vor einem Pferd, das übermütig auf zwei Beinen steigt.

Wunderschöne Aufnahmen, traumhaft schön – sie verleiten zum Nachahmen.

Junge Mädchen posten solche Bilder, laden Videos hoch und bekommen viele Fans. Manche von ihnen werden im Netz wie Stars behandelt und schließen Werbeverträge mit Firmen aus der Reitsportszene ab. Und plötzlich kennt jeder ihre Namen. Sie tauchen in der realen Welt auf, geben Reitunterricht, Sammelkurse und treten mit ihren Pferden auf Veranstaltungen auf.

Auf der Equitana 2017 habe ich sogar erlebt, wie eine Halle kurzzeitig gesperrt werden musste, weil eine Influencerin mit ihrem Partner an einem Versicherungsstand angekündigt war und die Massenhysterie der Kids drohte, in Panik umzuschlagen. Popstar-Feeling.

Wow – beneidenswertes Leben, oder?

Wenn man zwischen den Zeilen liest, erwartet man jetzt ein großes ABER.


Hier kommt es:

Ein Pferdetrainer zu sein bedeutet für mich, sehr viel Erfahrung zu besitzen und diese mit Wissen zu verbinden. Man arbeitet mit bis zu 900 kg schweren Tieren, die einen eigenen Kopf haben und instinktiv handeln. Pferde treffen in vielen Situationen eigene Entscheidungen – und als Fluchttiere ist dieser Weg oft schnell und panisch.

Es gibt kein Schema F, das für jede Rasse und jeden Pferdetyp als Trainingsmethode funktioniert. Kein Pferd ist wie das andere, und jedes reagiert unterschiedlich auf dieselben Situationen.

Daher finde ich es sehr fragwürdig, jungen Menschen in Onlinevideos zu erklären, wie man seinem Pferd Dominanzverhalten wie Steigen beibringt. Wer haftet eigentlich, wenn im heimischen Stall die zwölfjährige Emma unter die Hufe gerät und sich den Arm bricht, nur weil Influencer XY ihr via YouTube erklärt hat, wie man seinem Pferd das Steigen in 20 Minuten beibringt?

Etwas makaber, ich weiß – jeder ist letztlich für sich selbst verantwortlich. Aber man gaukelt jungen, leicht beeinflussbaren Menschen vor, dass es das Einfachste der Welt sei, am Halsring durch den Wald zu preschen.

Dass diese hohe Kunst jahrelanges Vertrauen zwischen Mensch und Tier benötigt und immer ein hohes Restrisiko birgt, wird selten erwähnt. Wer öffentlich auftritt, ist ein Vorbild und sollte sich bewusst sein, dass Jugendliche diese Videos und Bilder nachahmen.

Ja, es gibt Menschen mit einem angeborenen Talent für Tiere – unabhängig vom Alter.
Aber das ist leider die Minderheit.

Diese Entwicklung, nach außen hin immer alles höher, schneller und weiter präsentieren zu wollen, gefällt mir nicht. Gerade im Pferdesport sind Geduld, Geduld und nochmals Geduld die Grundlage für Erfolg mit dem Pferd.


Wie würde mich ein Social-Media-Auftritt überzeugen?

Must-haves eines Kanals (YouTube, Instagram, Facebook):

  • Ehrliche Trainingsmethoden inkl. Rückschritte

  • Offen zeigen, dass man scheitern kann – und wie man damit umgeht

  • Vermittlung von Basiswissen: Ernährung, Pflege, Haltung

  • Faires Reiten im Sinne des Pferdes

  • Kosten offen ansprechen

  • Einnahmequellen transparent machen

  • Unangenehme Themen nicht aussparen (Rollkur, eigene Fehler etc.)

  • Risiken und Gefahren des Reitsports benennen

  • Tipps & Tricks mit einfachen Mitteln (DIY)

  • Mehr Realität

Don’ts eines Kanals:

  • Vollgestopfte Inhalte mit permanenter Produktplatzierung

  • Immer dieselben Tutorials (Steigen, Liegen, Piaffe, Halsringreiten …)

  • Banale Stallroutinen

  • Die neueste Eskadron-Kollektion zum überteuerten Preis

  • Gewinnspiele nur zur Like-Generierung

  • Inhalte, die ausschließlich dem Ego dienen


Gibt es solche Influencer?

Ja! Ich habe sie gefunden. Meine Favoritin:

1. Native Horse

Wild, frei, ursprünglich. Unbeschwert mit Pferden zusammen sein, sich bewegen und voneinander lernen – im Sinne des Pferdes.

Native Horse, das sind Bettina, Tanja und die Andalusier-Stute Estella. Sie überzeugen durch Natürlichkeit und Authentizität. Sie wirken nicht wie Menschen, die sich selbst inszenieren wollen.
Vorab: Ich kenne die beiden nicht persönlich – mein Urteil basiert ausschließlich auf ihrem Online-Auftritt.

Ihr Lebenslauf spricht für sich (gekürzt wiedergegeben):
Tanja begann früh mit Pferden, kaufte mit 11 Jahren Estella, stand vor großen Herausforderungen, einer Fehldiagnose, lernte neue Wege über klassische Dressur, entwickelte ein faires Trainingskonzept und sammelte internationale Erfahrungen – unter anderem beim Mustang Makeover Germany.


Mein Fazit:

Native Horse hat alles, was ein echtes Pferdemädchen ausmacht:
Mut, Geduld, Empathie, Respekt und eine ordentliche Prise Abenteuerlust.

Das Ergebnis kann nur großartig werden. 🐴✨